Um das Altern hinauszuzögern, greifen inzwischen immer mehr Menschen zu Anti-Aging-Präparaten. Doch vor unbewiesenen Versprechen der Vertreiber, vor unkalkulierbaren Risiken vieler Extrakte warnen Experten der Verbraucherzentrale NRW.
Das Prinzip ist stets das Gleiche: Altern wird per se als Krankheit definiert. Schon ab 30 Jahren ließen Konzentration und körperliche Leistungsfähigkeit nach, mahnen selbst ernannte Anti- Aging-Gurus - und offerieren natürlich ein passendes Verjüngungspräparat. Aus der selbst geschürten Angst vor dem Alter schlägt eine ganze Industrie ihren Nutzen. Allein die Internetsuchmaschine Google verzeichnet unter dem Stichwort „Anti-Aging“ mehr als 15 Millionen Einträge. Das Geschäft mit Pflanzenextrakten, mit Vitaminkonzentraten und Hormonen hat sich nach Schätzung von Experten längst zum Milliardenmarkt gemausert. Das Angebot an vorgeblichen Wundermitteln ist kaum überschaubar.
Mit einer „Ultra Anti-Aging- Formel“ meldet sich Dr. Hittich aus dem niederländischen Kerkrade. Wissenschaftler hätten ein Molekül im Rotwein namens Resveratrol entdeckt und in Pillenform isoliert. Damit werde „eine Lebensdauer von 120 Jahren bald völlig normal sein“: für 29,70 Euro im Monat.
Das Versprechen auch anderer Anti-Aging-Propheten: Ihre Vitamin- und Pflanzenextrakte könnten auf bequeme Art falsche Ernährungsgewohnheiten korrigieren, Krankheiten vorbeugen und helfen, Kreislauf, Immunsystem, Ausdauer und Gehirnfunktion zu regeln. Zudem würden so genannte freie Sauerstoff-Radikale unschädlich gemacht, die das Altern beschleunigen.
Eher „ein Marketinggag“ sind die meisten der Radikalenfänger für Angela Clausen von der Verbraucherzentrale NRW. Hier werde „oftmals viel Geld für wenig Gesundheit ausgegeben“. „Die Wirkung der meisten Produkte ist wissenschaftlich nicht nachgewiesen.” Oft würden einfach Zell- oder Tierexperimente mit einem hoch dosierten einzelnen Wirkstoff zur Begründung herangezogen, die Übertragbarkeit auf Menschen oder das Produkt sei nicht möglich, warnt Clausen.
Schlimmer noch: Mittel werden als „völlig natürlich“ verharmlost, dabei kann es auch bei Altbekanntem wie Gingko- Extrakten zu Nebenwirkungen kommen: darunter Übelkeit, Erbrechen, Bauchschmerzen und eine verringerte Blutgerinnungsfähigkeit. Über Wechselwirkungen mit Medikamenten ist oft nichts bekannt. Wer neben der ärztlich verordneten Arznei zusätzliche Produkte einnehmen möchte, sollte das auf jeden Fall mit seinem Arzt besprechen.
Besonders kritisch beurteilt Clausen den unkontrollierten Zugang zu Hormonpräparaten via Internet. „Damit wird sehr viel Schindluder getrieben.“ Hormone könnten Menschen nicht wirklich vor dem Älterwerden bewahren, warnt auch die Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie (DGE). Bislang liegen nach Angaben der Stoffwechselexperten noch keinerlei wissenschaftliche Studien vor, mit denen lebensverlängernde Effekte der Substanzen nachgewiesen worden seien.
Schlimmer noch: Eingriffe in das Hormonsystem seien wegen der vielfachen Wechselwirkungen zwischen Organen und Geweben oft unüberschaubar. Wer unkontrolliert Anti-Aging-Hormone schlucke, setze sich einer unbekannten Gefahr aus. In Deutschland unterliegen Hormone, darunter der Marktrenner Dehydroepiandrosteron (DHEA) wie auch Melatonin und das Wachstumshormon Somatotropin zwar der Rezeptpflicht.
Dennoch ist es auch für Laien kein Problem, die vorgeblichen Wundermittel gegen das Altern per Internet zu ordern. In den USA wie in den Niederlanden sind sie frei im Handel erhältlich.
Beim Versender Biovea Deutschland lässt sich neben Mitteln gegen Gelenkschmerzen und Übergewicht in der Rubrik Anti- Aging etwa das DHEA-Präparat Testrogain bestellen, das laut Anbieter dem Sexualtrieb wie dem Muskelaufbau auf die Sprünge helfe, das Knochengewebe und Denkleistung stärke. 90 Pillen des Wundermittels gibt’s für 39,95 Euro. Sie sollen anderthalb Monate reichen.
Riskant nur: Wer Hormonpräparate bestellt, muss damit rechnen, dass der Zoll sie beschlagnahmt. Der Kunde geht leer aus und ist sein Geld trotzdem los. Zudem besteht die Gefahr von Fälschungen. Im günstigsten Fall sind das Placebos.
Wer sich trotz aller Warnungen für Anti-Aging-Hormone entscheidet, „sollte die Behandlung in jedem Fall von einem in Deutschland niedergelassenen Arzt durchführen lassen“, rät Angela Clausen.
Dagegen seien weder „Antiaging- Berater“ noch „Antiaging- Trainer“ geschützte Begriffe. Dahinter könnten sich der Bankangestellte wie der Friseur, die Krankengymnastin wie die Supermarktkassiererin verbergen, die ihre Einkommen mit einem Nebenjob aufbessern wollen. Unter dem Druck, möglichst viele Anti-Aging-Präparate zu verkaufen, würden die Wirkungen der Produkte dann gerne übertrieben.
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