Kein Witz! Das zur Otto-Gruppe gehörende Versandhaus bon prix veräppelt regelmäßig hunderttausende seiner acht Millionen Kunden: Die Pechvögel bekommen Extra-Kataloge mit höheren Preisen.
Christa Meier und Sigrid Müller (Namen geändert) wohnen nicht nur wenige Häuser entfernt, sondern die beiden Siegburgerinnen verbindet auch eine Vorliebe zu bon prix. Die Tochterfirma des Versandhauses Otto erreicht mit ihren Katalogen und 30 Shops mittlerweile rund acht Millionen Kunden. Dieser Erfolg ist auch dem Werbeslogan von bon prix geschuldet: ”Alle Größen ein Preis!”
Um so erstaunter waren die bon-prix-Bestellerinnen, als sie zusammen in ihren neuen Herbst/Winter-Katalogen blätterten. Identisch in der Aufmachung unterschieden sie sich vor allem in einem wichtigen Detail: dem Preis. Während Sigrid Müller beispielsweise eine Stretch-Jeans für 31 Euro ausgezeichnet sah, sollte Freundin Christa für die nämliche Hose 39 Euro berappen.
Ein ”figurumspielendes Sweatshirt” wiederum gab es für Müller-freundliche 19,50 Euro, während sich Christa Meier über stolze 25 Euro ärgerte. Und so ging es fort: Weit über 20 Prozent teurer waren viele Kleidungsstücke im Meierschen Bilderwerk ausgezeichnet.
Wer da an eine Katalog-Fehlpressung denkt, wird an der Bestell-Hotline eines Schlechteren belehrt. ”Das machen wir absichtlich!” bekennt die Mitarbeiterin freimütig. ”Wir verkaufen manchmal etwas teurer!”
Naja, “manchmal” scheint untertrieben. Rund 500.000 Hochpreis-Kataloge verschicke das Hamburger Versandhaus parallel zum regulären Bestellwerk, sagt Pressesprecherin Brigitte Sely. Wer sie bekommt, in welche Bezirke sie gehen, bleibt Firmen-Geheimnis.
Damit die Sache bei der Order nicht auffliegt, gibt es für beide Kataloge unterschiedliche Bestell-Nummern. ”Sie sind erst der zweite in dieser Woche, der das merkt”, bekam ein Tester der Verbraucherzentrale NRW von einer Hotline-Mitarbeiterin zu hören.
Ein schlechtes Gewissen treibt den Versender bei seinem Treiben nicht um. Sprecherin Sely sieht ihr Unternehmen “rechtlich abgesichert” – dass sei “keine Schweinerei”. Die bon prix Kunden-Philosophie, an der Hotline verkündet, lautet: Falls jemand teurer einkauft, als er eigentlich müsste, sorge der nächste Katalog vielleicht für gerechten Preis-Ausgleich: ”Dann sind Sie ja im Vorteil.”
Anders sieht das Beate Wagner. Für die Juristin der Verbraucherzentrale NRW “ist die Grenze zur Irreführung erreicht”. Schon wegen des Slogans “Alle Größen ein Preis” komme kein Kunde auf den Gedanken, “dass die Firma mit unterschiedlichen Auszeichnungen operiert”.
Sorge, dass das obskure Preis-Gebaren zu Unmut unter der Kundschaft führe, wenn es publik wird, hat Sely nicht. Schließlich gebe es für jeden Kunden den niedrigen Preis - “sofern er davon weiß”. Das bestätigt auch eine Hotline-Mitarbeiterin: “Wir können jederzeit den Preis bis 100 Euro reduzieren.” “Am besten immer nach dem günstigsten Preis fragen”, empfiehlt deshalb Presse-Frau Sely allen bon-prix-Bestellern – ganz ernsthaft.
Vielleicht nur gibt der Versandhaus-Tochter zu denken, dass ihre skurrile Preis-Strategie innerfamiliär auf wenig Begeisterung stößt. Sonja Kröning, Pressesprecherin der bon-prix-Mutter Otto, versucht sich in diesem verdrehten Fall mal als Verbraucherschützerin. Ihr Kommentar: ”Das gibt es nicht - da macht man sich ja unglaubwürdig.”
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