Die Weisheit: "Sell in may and go away." ("Verkaufe im Mai und mach dich vom Acker.") Die Wahrheit: Es gibt für alles empirische Belege.
Auf Englisch klingt der Spruch besonders schön. "Sell in may and go away", das ist nicht nur eine einfache Handlungsanweisung, es reimt sich auch noch. Man soll doch bitte im Mai seine Aktien verkaufen und verschwinden. Wenn diese schöne Börsenweisheit stimmt, dann können Aktienanleger nicht nur einen entspannten Sommerurlaub verleben, sie verdienen auch noch Geld dabei - weil sie die schlechtesten Börsenmonate des Jahres verpassen.
Aber stimmt die Weisheit denn wirklich?
Ob Sie es glauben oder nicht: Auch das wurde bereits wissenschaftlich untersucht - und zwar von den beiden niederländischen Forschern Sven Bouman und Ben Jacobsen im Jahr 2001. Ihre Studie trug den Titel "The Halloween Indicator. Sell in May and Go Away: Another Puzzle". Also: "Der Halloween-Indikator. Verkaufe im Mai und mach Dich vom Acker: noch ein Rätsel".
Damit ist die Anlage der Studie schon erklärt. Die Börsenweisheit, um die es hier geht, ist nämlich auch als Halloween-Indikator bekannt - weil man ihr zufolge im Mai verkaufen und Ende Oktober wieder kaufen sollte. Bouman und Jacobsen untersuchten also die Entwicklung der Aktienmärkte von Anfang Mai bis Ende Oktober einerseits und von Anfang November bis Ende April andererseits. Dafür stützten sie sich auf Daten aus 37 Ländern. Für 19 Länder lagen Daten für die Jahre von 1973 bis 1998 vor, aus den übrigen 18 Ländern nur für die Jahre 1988 bis 1998.
Die Börsenweisheit scheint wahr zu sein
Das durchaus überraschende Ergebnis: Die Börsenweisheit trifft offenbar zu - und zwar vor allem in den europäischen Ländern. So lag die durchschnittliche Rendite der europäischen Börsen während der sechs sommerlichen Monate bei 2 Prozent. Die mittlere Rendite für die Zeit von November bis April betrug dagegen stolze 8 Prozent. Außerhalb Europas war der Effekt weniger stark ausgeprägt - aber dennoch vorhanden. Und: Die Ergebnisse waren sogar statistisch signifikant. Doch damit nicht genug: Der Effekt blieb sogar dann noch signifikant, wenn man Transaktionskosten berücksichtigte - also die Gebühren für den Verkauf im Mai und den Kauf Ende Oktober.
Eine Erklärung für das Phänomen fanden die Forscher nicht. Und so schlossen sie am Ende ihrer Studie einigermaßen ratlos: "Die Geschichte und die Praxis zeigen, dass das alte Sprichwort stimmt, während die Logik des Aktienmarktes nahe legt, dass es falsch ist."
Diese Logik besagt nämlich, dass Muster wie der Halloween-Indikator ihre Gültigkeit verlieren, sobald sie öffentlich bekannt sind. Und der Halloween-Indikator war lange bekannt, als die Studie von Bouman und Jacobsen entstand. Warum also gab es ihn trotzdem noch?
Zwei andere Forscher, Edwin Maberly und Raylene Pierce, glaubten einige Jahre später, sie hätten eine Antwort gefunden. Sie machten zwei heftige Börsenkräche für den Effekt verantwortlich, die sich beide in der sommerlichen Hälfte des Jahres ereigneten: den "schwarzen Montag" am 19. Oktober 1987 und den Kollaps des Hedgefonds LTCM im August 1998. Ohne diese Extrem-Ereignisse gäbe es den Halloween-Indikator nicht, argumentierten Maberly und Pierce. Allerdings widersprach ein weiterer Experte namens H. Douglas Witte dieser Erklärung vor kurzem.
Verwirrend, oder? Ist aber auch egal: Wir empfehlen, die Forscher weiter diskutieren zu lassen und die eigene Anlagestrategie sicherheitshalber nicht an spekulativen Ideen wie dem Halloween-Indikator auszurichten. Das führt am Ende nur zu hektischem Hin und Her. Dabei liegt doch in der Ruhe die Kraft.



